2. Ist Jesus in Jesaja 9,5 der “starke Gott”? 

(in manchen Übersetzungen auch V. 6)
von Servetus the Evangelical

Die meisten Christen behaupten, dass Jesus GOTT ist und einer ihrer bevorzugtesten Bibelabschnitte, die sie dafür zur Unterstützung zitieren, ist Jesaja 9,5. Dort heißt es: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens.“
Lieder und Hymnen haben in der christlichen Anbetung schon immer eine bedeutende Rolle gespielt. Die Übersetzung „starker Gott“ in Jesaja 9, 5 hat zu vielen Kirchenliedern über Jesus angeregt. Eines der bekanntesten dieser Lieder in der westlichen Welt ist das tief ergreifende Chorstück „Uns ist zum Heil ein Kind geboren“ in Händels großartigem Oratorium Messias. Es wird zur Weihnachtszeit oft von Kirchenchören vorgetragen. Hymnologie ist aber kein Ersatz für eine gesunde Theologie. Wenn Hymnen die christliche Theologie wiederspiegeln, dann sollten sie das genau und damit der Schrift gemäß tun.

Sowohl Juden als auch Christen haben Jesaja 9, 1-8 schon immer richtigerweise als messianisch interpretiert. Christen haben die ganzen Bezeichnungen in der zweiten Hälfte des Verses 5 zu Recht auf Jesus bezogen. Der Name, der mit „starker Gott“ übersetzt worden ist, lautet in der hebräischen Bibel el gibbor. Ist „starker Gott“ hier aber die richtige Übersetzung von el gibbor, so dass Jesus „Gott“ genannt werden kann?

El ist das einfache semitische Grundwort für „Gott“. Es taucht im masoretischen Text (MT) des Alten Testaments 230 Mal auf. Manchmal werden auch Menschen damit bezeichnet. Manche alttestamentliche Charaktere tragen das Wort el in ihren Namen, wie zum Beispiel Israel, nur um deutlich zu machen, dass sie zu GOTT gehören. Wenn der Messias el gibbor genannt wird, dann ist das ähnlich wie in Jesaja 7, 14, wo man ihn „Immanuel“ nennt, wobei der Namensbestandteil el nicht dafür gedacht ist, den Messias als GOTT zu identifizieren, sondern darauf hinzuweisen, dass durch ihn „GOTT mit uns“ ist (Matth 1, 23).

Das hebräische Wort gibbor (Strong Nr. 1367) kommt im MT über 150 Mal entweder in seiner Singular- oder in der Pluralform vor. Man übersetzt es mit „Held“, „Mann“, „gewaltig“, „mächtig“, „stark“ oder „Krieger“. Diese Befunde zeigen, dass el gibbor sowohl als Adjektiv als auch als Substantiv zur Bezeichnung von Menschen gebraucht werden kann. Der Kontext und die mit ihm verbundenen Worte sind die bestimmenden Faktoren. Das griechische Alte Testament (Septuaginta = LXX, 3. Jhdt v. Chr) übersetzt el gibbor in Jes 9, 5 mit megales boules angelos. Das Wort „Engel“ stammt von angelos ab, wobei angelos aber oft auch noch die weitere Bedeutung „Bote“ hat. Daher wird dieser Ausdruck in der LXX gewöhnlich mit „Bote des mächtigen Rates“ und nicht mit „starker Gott“ übersetzt. Das ist sehr bezeichnend, weil die vorchristlichen jüdischen Übersetzer nicht gegen die spätere christliche Interpretation eingestellt sein konnten, die besagt, dass Jesus von Nazareth durch den Namen el gibbor als „GOTT“ identifiziert wird. Christen und Juden sind bezüglich der Auslegung und der Verwendung dieser Namen in Jesaja 9, 5 unterschiedlicher Ansicht. Die Targume über Jesaja und die späteren rabbinischen Ausleger, wie zum Beispiel Rashi und Kimchi, haben das „Kind“ als den Messias interpretieren; sie sagen aber auch, dass sich el gibbor nur auf GOTT und nicht den Messias bezieht, wodurch sie vermeiden, den Messias „GOTT“ zu nennen. Entweder haben sie nur el gibbor auf GOTT bezogen und die anderen Namen auf den Messias oder sie haben alle Bezeichnungen, mit Ausnahme von „Fürst des Friedens“, auf GOTT übertragen.

Ibn Ezra hat es vermieden, die Bezeichnung „Kind“ als Messias zu interpretieren, indem er alle Namen auf den König Hesekia oder seinen Sohn bezogen hat.

Christliche Theologen haben behauptet, dass diese beiden Auslegungsvarianten an den Haaren herbeigezogen sind, womit sie diese Rabbis der Voreingenommenheit bezichtigt haben. Und weil im Matthiasevangelium Jesaja 9, 1-2 zitiert und auf Jesus bezogen wird (Matth 4, 14-16; s.a. Luk 1, 79), haben viele christliche Ausleger darauf bestanden, dass die Nähe dieser Verse zu Vers 6 nahelegt, dass alle Namen ebenfalls auf den Messias zu beziehen sind.

Einige angesehene christliche Übersetzer haben el gibbor in Jesaja 9, 5 nicht mit „starker Gott“ übersetzt. Martin Luther hat es in seiner Bibelübersetzung von 1545 mit „Krafft / Helt“ übersetzt, was „starker Held“ bedeutet. Er erklärte, dass dieser Name sich „nicht auf die Person Christi, sondern auf sein Werk und Amt bezieht“. Raymond E. Brown behauptet, dass Jesaja hier die Absicht hatte, den Messias „GOTT/Gott“ zu nennen, aber nur in dem Sinne wie einen König Israels in einem königlichen Psalm, ähnlich wie es auch in Psalm 45, 6 zu finden ist. Einige englischsprachige Bibeln übersetzen el gibbor mit „gottähnlicher Held“ oder „Gott-Held“ im Sinne von „Krieger“. In der Tat stellen die dem Vers 5 unmittelbar vorangehenden Verse uns den Messias als einen galiläischen Kämpfer vor. Dort heißt es: „Doch bleibt nicht im Dunkel das Land, das bedrängt ist, … das Galiläa der Heiden. Das Volk, das in der Finsternis wandelt, sieht ein großes Licht, über den Bewohnern des Landes der Todesschatten geht eine Leuchte auf. Du machst des Jubels viel, du machst seine Freude groß; sie werden sich vor dir freuen, wie man sich in der Ernte freut, wie die Sieger jubeln, wenn sie Beute teilen. Denn du hast das Joch, das auf ihm lastete, den Stecken, der seinen Rücken geschlagen hat, und die Rute seines Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel derer, die gestiefelt einhertreten im Schlachtgetümmel, und jedes blutbefleckte Kleid wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.“ (Jes 9, 1-5; Schlachter 1951).

Der Apostel Paulus interpretiert diesen Kämpfer als den Messias Jesus, der den Antichristen vernichten wird (2. Thess 2, 8).

El gibbor kommt nur noch in einer weiteren Stelle im masoretischen Text vor, und zwar in Jesaja 10, 20. Dieser Vers sagt voraus, dass am Jüngsten Tag, den Christen auch „die Wiederkunft“ nennen, ein Überrest Israels einen Angriff überleben und zu GOTT umkehren wird, um sich von da an für immer auf IHN zu verlassen. Man hat vorausgesetzt, dass sich el gibbor hier auf GOTT bezieht, weshalb diese Worte in den meisten Bibelübersetzungen auch mit „starker Gott“ übersetzt worden sind. Aus diesem Grund und wegen der unmittelbaren Nähe zu Jesaja 9, 5 halten viele christliche Bibelkundler el gibbor in Jesaja 10, 20 für den sicheren Beweis, dass el gibbor in Jesaja 9, 5 genauso übersetzt werden muss.

Wie es auch sei, - was in Jesaja 10, 19-20 geschildert ist, wird ohne Zweifel mit Hilfe des messianischen Vertreters geschehen, ebenso wie die Ereignisse, die in Jesaja 9, 2-6 vorausgesagt sind. Das heißt, dass der überlebende jüdische Überrest am Jüngsten Tag zu GOTT umkehren wird, indem sie sich buchstäblich ihrem Messias und König unterwerfen werden, den GOTT ihnen als ihren Befreier gesandt hat. Denn unmittelbar nach Jesaja 9, 5 sagt der Prophet in Bezug auf den militärischen Erfolg und die herrschaftliche Regierung des Messias, dass „der Eifer des HERRN der Heerscharen dies tun wird“ (V. 6), d.h. durch den Messias. Deshalb kann sich el gibbor in Jesaja 9, 5 und in 10, 20 auch auf den Messias beziehen. Trotzdem sollte geschlussfolgert werden, dass die Auslegung von el gibbor in Jesaja 9, 5 als „starker Held“ (Kämpfer) besser zu dem Kontext passt und Jesus deshalb nicht „starker Gott“ genannt wird.

Dieser Artikel stammt von Kermit Zarley (Servetus the Evangelical). Auf seiner Webseite – servetustheevangelical.com – kann man 50 solcher Artikel lesen. Sie sind eine Zusammenfassung seines sorgfältig recherchierten, biblisch in die Tiefe gehenden, 600-seitigen Buches mit dem Titel: The Restitution of Jesus Christ (2008)

 

   

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